Massentierhaltung: Mit Volldampf in die Katastrophe

Dr. Alexander von Paleske     —-   21.4. 2019   ———

Vor etwas mehr als einer Woche schreckte folgende Meldung auf:

Jede zweite Discounter-Hähnchenfleischprobe mit antibiotikaresistenten Keimen kontaminiert.

Die Organisation Germanwatch hat von marktbeherrschenden Discountern angebotenes Geflügelfleich auf resistente und multiresistente Bakterien untersuchen lassen.

Das Ergebnis:

Jede zweite Discounter-Hähnchenfleischprobe war mit antibiotikaresistenten Keimen kontaminiert
Jede dritte Hähnchenfleisch-Probe wies sogar Belastungen mit speziellen Resistenzen gegen Reserveantibiotika auf. Reserveantibiotika kommen zum Einsatz, wenn die gaengigen Breitbandantibiotika wegen Resistenz der Bakterien unwirksam sind.

Bei ihrer Untersuchung haben die von Germanwatch beauftragten Prüfer folgende Ergebnisse im Detail ermittelt:

Bei Öko-Hähnchenfleischproben wurden gar keine antibiotikaresistenten Keime festgestellt, bei Hofschlachtungen war die Kontamination signifikant reduziert.

Das Problem der Verunreinigung von Geflügelfleisch durch resistente Bakterien taucht mittlerweile immer häufiger in den Medien auf.

Hier wurde regelmässig seit 2007 gerade auch auf  das Problem der Kontamination und das Auftauchen von antibiotikaresistenten Bakterien in der Massentierhaltung aufmerksam gemacht. Zuletzt im Januar 2019 
über die Kontaminierung von Geflügelfleisch mit dem Durchfallerreger Campylobakter. Auch diese gehören mittlerweile zu den gegen Antibiotika- resistenten Bakterien.

Da es immer mehr mit Erregern kontaminiertes Hähnchenfleisch gibt, stellt sich die Frage, worauf die Zunahme der Verunreinigungen durch antibiotika-resistente Bakterien beruht.

Germanwatch dazu:


Die Ursache hierfür liegt wohl in der ungehemmten Ausbreitung der Erreger in den Schlachthöfen. Bei den dort vorherrschenden Hygienemaßnahmen wird offenbar einfach zu wenig gegen diese speziellen Erreger unternommen.”

Und weiter sagte Reinhild Benning, Agrarexpertin der Organisation Germanwatch:
.
“Bei der er Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen aus Massentierhaltungen hat Agrarministerin Klöckner versagtDas zeigen die anhaltend hohen Resistenzraten der Krankheitserreger auf Hähnchenfleisch.
Die Ministerin laesst zu, dass multiresistente Keime, ESBL-bildende (Extended-Spectrum-Betalaktamasen) Bakterien und Colistin-resistente Krankheitserreger auf Billigfleisch bis in die Küchen von VerbraucherInnen, in Restaurants und auch in Krankenhausküchen gelangten.

Die Antibiotikaresistenzen werden erst dann sinken, wenn die Bundesregierung Reserveantibiotika in Tierfabriken verbietet und alle Veterinärantibiotika mit Festpreisen so teuer macht, dass sie nicht mehr verschrieben werden, um die Folgen der katastrophalen Haltungsbedingungen und der Turbozucht in der Billigfleisch- und Billigmilcherzeugung zu kompensieren“,

so Brenning.

Durch  Massentierhaltug kranke Tiere

Vom Schwanz aufgezäumt
Dies  zäumt allerdings das Pferd vom Schwanz auf: Es mag sein, dass die resistenten Bakterien in den Schlachthöfen sich dort wegen mangelnder Hygiene ausbreiten. Aber sie stammen nicht ursprünglich aus den Schlachthöfen, und lassen sich bei besserer Hygiene bestenfalls  quantitativ verringern. Eingeschleppt werden sie von dem angelieferten Geflügel aus der Massentierhaltung. Die Schlachtereien sind “Durchlauferhitzer”. Die antibiotikaresistenten Bakterien würden auch bei besserer Hygiene weiter gefunden werden, und damit nicht nur in der Küche der Kunden, sondern auch in deren Darm landen, und dort fleissig die Resistenzen an die dort verhandenen Bakterien weitergeben. Von dort gelangen sie dann wiederum in die Umwelt, ebenso aus den Massenzuchtbetrieben über die Gülle dorthin.

Katastrophale Ausirkungen
Die Konsequenzen dieser Ausbreitung sind katastrophal. Bereits jetzt sterben rund 7000 Patienten pro Jahr in Deutschland an Infektionen mit multiresistenten Keimen.
Weltweit sind es rund 200.000.

Germanwatch empfiehlt der Bundesregierung den Verbrauch insbesondere von Reserveantibiotika einzuschränken, indem sie so teuer gemacht werden, dass sich der Einsatz in der Massentierhaltung nicht mehr lohnt. Denn auch in der Geflügel-Massentierhaltung haben sich längst resistente Bakterien etabliert, die nur noch auf hochpotente Antibiotika (Reserveantibiotika) ansprechen, also werden die eingesetzt.

Mit der massiven Verteuerung der Reserveantibiotika so der Massentierhaltung über die Hintertür beizukommen, wird jedoch nicht laufen. Es ist naiv zu glauben, die Politik würde sich darauf einlassen.. Was hilft ist nur ein Totalverbot des Einsatzes von Antibiotika in der Massentierhaltung, zumal sich Resistenzen aus einer Bakteriengruppe auch auf andere ausbreiten können.

Errungenschaften der Medizin bedroht
Es sollte bedacht werden: Die wirksame Bekämpfung von selbst schwersten Infektionen durch Antibiotika gehört zu den grössten Errungenschaften der modernen Medizin.
In der goldenen Zeit der Entwicklung neuer hochpotenter Breitbandantibiotika, also in den 60er, 70er und 80er Jahren konnten Medikamente wie Cefotaxim, Imipenem, Piperacillin, Ciprofloxacin so gut wie fast jeden Problemkeim in den Griff bekommen.

Das ist längst vorbei.

Nicht nur werden in der Zukunft noch mehr Patienten an Infektionen mit resistenten und multiresistenten Bakterien sterben, es werden bestimmte Operationen und Behandlungsmöglichkeiten bei weiter zunehmender Antibiotikaresistenz wegen tödlicher Infektionsgefahr überhaupt nicht mehr möglich sein. Dazu gehören z.B. Transplantationen, Chemotherapie von Krebs, Operationen an abwehrgeschwächten Patienten wie Diabetikern usw.

Die Konsequenz: Völliges Verbot  des Einsatzes von jeglichen Antibiotika in der  Massentierhaltung, und damit auch dem Ende der Massentierhaltung, denn ohne Antibiotika schaffen es die Viechergar nicht mehr zum Schlachttag. Und natürlich Einschränkung des Einsatzes – wenn nicht geboten – in der Humanmedizin.

Simple Frage
Es stellt sich simpel die Frage: Wollen wir mit unserem Fleischkonsum zurück in die 50er Jahre, wo es die Massentierhaltung noch nicht gab, und Antibiotika in der Tierzucht daher kein Thema waren, oder wollen wir weiter mit Antibiotika gefüttertes Geflügel zum Discountpreis aus der Massentierhaltung verzehren, bis auch die Antibiotika nicht mehr wirken und wir behandlungsmässig in die 40er Jahre, also die Vor-Antibiotika-Aera zurückfallen.

Die Wahl sollte eigentlich nicht schwerfallen – sollte man denken.

Verantwortungslose Politik
Die Politik handelt jedoch völlig anders, obwohl das Problem längst bekannt ist. Seit mehr als 10 Jahren schreiben auch wir an dieser Stelle immer wieder dagegen an.
Egal ob SPD wie in Niedersachsen, CDU und Grüne wie in Hessen, Baden Württemberg oder Schleswig Holstein mit am Ruder sind, getan wird bestenfalls reine Kosmetik. Zu viele Arbeitsplätze hängen an den vielen Mastbetrieben und Schlachtereien.

Handeln – begrenzt – möglich
Da die Politik hier völlig versagt, könnten die Konsumenten schon einen guten Schritt tun, und nicht nur den Fleischkonsum drastisch reduzieren, sondern auch  Fleisch aus der Massentierhaltung ganz meiden. Aber das allein kann und wird nicht reichen.

Unbehandelbare Gonorrhoe (Tripper) – erst der Anfang, nicht das Ende

Antibiotika-Resistenz – Schuldige in Indien gefunden, oder: auf einem Auge blind
Deutscher Ärztetag, die Bundesregierung, und das Versagen der Antibiotika
Antibiotikaresistenz – eine Warnung vom „Schnarchverein“ Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Rettet ein neues Antibiotikum Kranke – und auch die Massentierhaltung ?
Die Antibiotikaresistenz nimmt zu, die Ignoranz deutscher Politiker jedoch nicht ab
Ergebnisse neuer Studie machen die Abschaffung der Massentierhaltung noch dringlicher
Der ARZNEIMITTELBRIEF zur Krise der Antibiotikaresistenz
Grossbritannien: Gefahr der Antibiotikaresistenz vergleichbar mit Terrorismusgefahr und Gefahr der Klimaveränderung
Deutsche Spitzenforscher: Späte Warnung vor Antibiotikaresistenz und unzureichende Vorschläge
Die Zukunft heisst Resistenz? – Antiinfektiva Dieverlieren ihre Wirksamkeit
Neue schlechte Nachrichten zur bakteriellen Resistenz gegen Antibiotika
Erst Bremen, jetzt Leipzig – Die Antibiotikaresistenz breitet sich aus 
Zwei Schreckensmeldungen zur Antibiotika-Verfütterung in der Massentierhaltung
Frühchentod und Antibiotikaresistenz 
Antibiotikaresistenz: Nach Pest, Tripper, MRSA, NDM-1, TB, Campylobacter nun die Salmonellen
Bleibt die Gonorrhoe (Tripper) behandelbar?
Antibiotika-Resistenz: Spätes Erwachen. Oder: Minister Bahrs Wort zum Sonntag
WHO, Weltgesundheitstag und Antibiotikaresistenz – eine Nachbemerkung
Pest-Seuche und Antibiotika-Resistenz 
Antibiotika oder Massentierhaltung? 
Der Dioxin-Skandal flaut ab, die Probleme der Massentierhaltung bleiben

Die Zukunft heisst Resistenz? – Antiinfektiva verlieren ihre Wirksamkeit
Hilflos bei Infektionen – Antibiotika verlieren ihre Wirksamkeit
Tierfabriken, Schweineviren und die Zukunft
<%image name=“link“ %>Welt-Tuberkulose Tag – eine Krankheit weiter auf dem Vormarsch</

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Massentierhaltung: Mit Volldampf in die Katastrophe

  1. Pingback: Die Antibiotikaresistenz nimmt zu, die Ignoranz deutscher Politiker jedoch nicht ab | Geopolitiker's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s