Tatort Krankenhaus : Tötung, Körperverletzung und sexueller Missbrauch

Dr. Alexander von Paleske —— 4.11. 2019 —–

Der Fall der falschen Anästhesieärztin, die im Krankenhaus zum Heiligen Geist in Fritzlar arbeitete, ohne jemals Medizin studiert zu haben, bestimmt zur Zeit die Schlagzeilen. Sie hatte sich die Einstellung mit einer gefälschten Approbationsurkunde erschlichen.

Es ist nicht der erste Fall dieser Art, ebenso:

  • der Fall des Postzustellers Gert Uwe Postel. Als Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy erst Amtsarzt in Flensburg und später  Oberarzt einer psychiatrischen Klinik im sächsischen Zschadraß.
  •   Klaus D., Friseur und ehemaliger Pfleger, praktizierte von 1983 an mithilfe gefälschter Dokumente aus Italien.

 In allen diesen  Fällen von  Hochstapelei mit gefälschten Dokumenten hätten ein paar Nachfragen  – gerade auch im Falle der Anästhesieärztin von Fritzlar –  gereicht, um diese zu entlarven:

– An welchen Krankenhäusern hatte sie vorher gearbeitet?  – 

– Bei welcher Ärztekammer  bisher registriert? – Nachfrage dort

– Und wenn das nicht reicht: Bei der Ausstellungsbehörde der Approbationsurkunde, das ist der jeweilige Regierungspräsident /   Ministerium nachfragen, ob die Approbation tatsächlich erteilt wurde.

Aufwand erforderlich

Zu viel Aufwand? –  Natürlich nicht, denn die Patienten dürfen wohl  erwarten – mit absoluter Sicherheit – sich  in die Hände von  Ärzten zu begeben.

 Diese Ueberprüfung hätte  nur  ein paar Telefonate  oder schriftliche Anfragen erfordert. Stattdessen:  Arbeitsvertrag offenbar ohne Nachprüfung  mit den tödlichen Folgen.

Allerdings ist diese Erschleichung von Arbeitsverträgen nur eines von einer Reihe von Delikten, die ein  Krankenhaus zum Tatort für Verbrechen machen können. Verbrechen, die  in vielen Fällen entweder ganz verhindert, oder in ihrem Ausmass hätten drastisch begrenzt werden können..

Kaleidoskop der Verbrechen

Folgende kriminelle Handlungen haben sich in Krankenhäusern  ereignet:

– Morde,  wie im Falle Niels Högel, des Massenmörders von Delmenhorst, dem mehr als  100 Morde an Patienten zur Last gelegt wurden, der schlimmste bisher bekannte Serienmord in Deutschland

– Mord oder Beihilfe zum Mord/Totschlag  durch Unterlassen, obgleich eine Rechtspflicht zum Handeln bestand. Hierzu gehört vor allem das Unterlassen von geeigneten Massnahmen, wenn gegen  Mitarbeiter schwere Verdachtsmomente vorlagen.  

– Tötung durch Unterlassen gebotener  lebenserhaltender Massnahmen oder Nichtgabe von angeordneten Medikamenten. Stichwort: der Arzt oder Pfleger “spielt Gott”

 – Körperverletzung durch Einsatz von,  oder Experimentieren mit, nicht etablierten Behandlungen  (Beispiele: Reinigung von  Operationswunden mit Zitronensaft, Durchführung  medizinisch nicht notwendiger Eingriffe, )

– Sexueller Missbrauch von  Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen seitens des Pflegepersonals oder Ärzten.  So auch im Falle des Kinderarztes in Saarbrücken, der von 2010 bis 2014 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet und in dieser Zeit offenbar eine Reihe von Kindern sexuell missbraucht hat.

Eine Zusammenfassung von 39 Prävalenzstudien aus 28 Ländern aus den Jahren 1994–2007 ergab für sexuellen Kindesmissbrauch Prävalenzen von 10–20 % bei Mädchen und 5–10 % bei Jungen,.

Wie hoch in Krankenhäusern die Zahl von sexuellem Missbrauch tatsächlich ist, darüber gibt es keine Zahlen. Tatsache ist jedoch, dass das Krankenhaus (wie auch Internate, und Schulen) die Möglichkeit der Nähe zu Opfern schaft, die in anderen Berufen eben nicht gegeben ist.

Mehr Schutz vor sexuellem Kindesmissbrauch in Kliniken soll nach Plänen der Deutschen Krankenhausgesellschaft in Zukunft Pflicht werden. Hätte jedoch längst sein müssen

Missbrauch von Vertrauen

Das Krankenhaus eröffnet Möglichkeiten für derartiges kriminelles Verhalten durch das Vertrauen, das  der Einrichtung Krankenhaus, den Ärzten, und dem Pflegepersonal entgegengebracht wird. Die Patienten begeben sich in die Obhut von Ärzten und Pflegepersonal, und das beinhaltet auch  körperliche Untersuchungen, Operationen, Injektionen etc. Vertrauen, das von den Tätern  schamlos ausgenutzt wird.

Gerade wegen dieser  Ausnutzbarkeit sind strikteste Kontrollmassnahmen absolut notwendig.

Dazu gehören beispielsweise genaue Statistiken über Todesfälle und Todesursachen, Häufung von Todesfällen an bestimmten Tagen/Wochenenden,  auch sogenannte “Death Meetings”, wo die Krankengeschichten der verstorbenen Patienten und deren Todesursache  im Rahmen einer Abteilungskonferenz in monatlichen Abständen noch einmal diskutiert werden.

Stattdessen findet sich nicht  selten blindes Vertrauen seitens der Dienstaufsicht. Motto: Was nicht sein darf, auch nicht sein kann.

Wenn Verdachtsmomente geäussert werden –  von wem auch immer, seien es Patienten, Angehörige oder Mitarbeiter – muss denen  denen sofort nachgegangen werden. Und diese Verdachtsmomente gab es in fast allen Fällen, die Schlagzeilen machten, auch und gerade im Fall des Delmenhoster Massenmörders  Niels Högel.

Auch im Falle des  US-Arztes und Massenmörders Michael Swango, dem  mindestens 63 Morde in Krankenhäusern zur Last gelegt wurden, und der eine Zeitlang, im gleichen Krankenhaus in Zimbabwe arbeitete,  wie ich, gab es simmer wieder Beschwerden und Verdachtshinweise, nicht nur in den USA, denen aber nicht nachgegangen wurde.

Michael Swango

Nicht nur Mord und Totschlag

Neben diesen Vorsatz-Delikten sind es vor allem die hohe Zahl   fahrlässiger Körperverletzungen,  sei es durch Fehldiagnosten, Fehlbehandlungen insbesondere bei Operationen, die  Krankenhäuser zum Ort  für strafbares Verhalten machen.

So schätzte das Wissenschaftliche Institut der AOK 2018,  dass alleine rund 19.000 Klinikpatienten jährlich durch vermeidbare Behandlungsfehler  sterben.

 Knapp 70 Prozent der  10.183 von insgesamt  14.585  bekannten – nicht geschätzten – Behandlungsfehler-Vorwürfen, richteten sich gegen Krankenhäuser,

Nicht alle Behandlungsfehler sind gleichzeitig auch kriminelles Verhalten, also fahrlässige Tötung oder  fahrlässige Körperverletzung.

Hinzu kommen auch noch  die mit Einführung  der  Fallpauschale geförderten, aber  nicht absolut indizierten Operationen bzw. Behandlungen, wobei die Verwaltungen nicht selten entsprechenden Druck auf die Ärzteschaft machen, um das Krankenhaus nicht in die Verlustzone abgleiten zu lassen.

Fazit:

Blindes Vertrauen ist nicht gerechtfertigt, weder seitens der Dienstaufsicht im Krankenhaus , noch seitens der Patienten gegenüber Ärzten und Pflegepersonal. Vertrauen ist nur gerechtfertigt, wenn alle Vorkehrungen getroffen werden, um strafbares Verhalten im Krankenhaus zu unterbinden, und den Patienten eine optimale und menschenwürdige Behandlung zuteil werden zu lassen.

Daran fehlt es nicht so selten,  wie der Fall in Fritzlar wieder einmal belegt.

Der Verfasser ist Arzt, Internist, Haematologe und ehemaliger Rechtsanwalt beim LG Frankfurt (M)

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