Treffen in Davos, Multiresistenz, extrem teure Therapie und eine Lotterie

Dr. Alexander von Paleske —- 13.2. 2020 ——

Das World Economic Forum vom  21.1.-25.1  2020 in Davos:  dieses Jahr auch mit Greta Thunberg. Neben dem Topthema Klimawandel stand  auch das Thema, nein: das Riesenproblem “Multiresistente Keime”   auf der Tagesordnung, erzeugte aber insgesamt wenig Interesse..

Riesiges Problem

Multiresistente Keime sind für den Tod von zur Zeit weltweit rund 500.000 Patienten pro Jahr   verantwortlich. Patienten, die an Infektionen leiden, die in der Mehrzahl vor 25 Jahren noch  erfolgreich mit den vorhandenen Antiinfektiva  behandelt werden konnten, insbesondere Infektionen mit   Problemkeimen wie Stapylokokken, Klebsiellen, E.coli und Pseudomonas.

Und es soll noch schlimmer kommen: Wenn es so weiterläuft – kaum neue Antiinfektiva, weiter zunehmende Resistenz – könnten es 10 Millionen Tote im Jahre 2050 sein..

Zwei Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Kurz vor der Konferenz in Davos hatte  am 17. Januar  die Weltgesundheitsorganisation WHO zwei Berichte veröffentlicht. Danach:

– befinden sich 52 Antibiotika in den Pipelines der Pharmafirmen,

– davon sind 32 gegen  Problemkeine gerichtet. Bei den meisten handelt es sich aber  lediglich  um  Weiterentwicklungen bekannter, jedoch   nicht  um grundsätzlich neue Substanzen, und daher  ohne signifikanten Fortschritt  im Vergleich zu bereits vorhandenen Antibiotika.

–  wirken nur zwei gegen die schlimmsten Problemkeime:  Klebsiella pneumoniae, E. coli, Pseudomonas.

–  besser sieht es bei neuen Start-Up Biotech Firmen aus:  dort wurden 252 Substanzen entwickelt, mehrheitlich gegen die Haupt-Problemkeime. Aber: diese Substanzen  können von diesen Start-ups nicht bis zur Marktreife weiterentwickelt werden, denn die Kosten belaufen sich auf mehrere 100 Millionen US Dollar. Das liegt völlig ausserhalb der Budgets dieser Firmen.

–  Pharmariesen  wie Novartis, Pfizer und Glaxo,  die das bewerkstelligen könnten, haben sich jedoch  von der Antibiotikaentwicklung  weitgehend zurückgezogen, Pfizer hat Forschungslaboratorien geschlossen.

Das geringe Interesse der Pharmariesen an der Entwicklung und Einführung neuer  Antibiotika –  anders als noch in den 70er, 80 und 90er Jahren: damit  lässt sich nicht genug verdienen: Hohe Vorlaufkosten und wenig Gewinn, denn Antibiotika werden pro Patient nur eine kurze Zeit eingesetzt.

Ganz anders sieht es bei den chronischen Erkrankungen und in der Krebsbehandlung aus. Letztere verschlingen mittlerweile nicht selten 100.000 Euro – pro Patient versteht sich.Bei Nichtansprechen: eine neue Runde mit ähnlichen Kosten. Chronische Erkrankungen bedeuten oft genug: lebenslange Medikamenteneinnahme, entweder ständig oder in Intervallen

Novos Versprechen

Auf dem Treffen in Davos hatte nun Kasim Kutay, Chef der Firma Novo, die hauptsächlich im Insulinbereich  aktiv ist, versprochen:

At Novo Holdings we recently established the Replenishing and Enabling the Pipeline for Anti-Infective Resistance (REPAIR) Impact Fund. REPAIR plans to funnel $165 million to 20 antimicrobial-focused start-ups over the next three to five years. Right now, we are one of the few, if not the only, private investment fund focused on this space. Virtually all other investors have shied away, concluding that the antibiotics market is fundamentally broken.

Nicht der Antibiotikamarkt ist jedoch gebrochen, sondern der Nachschub  neuer Antibiotika  ist mangels Interesse ausgeblieben.

Was Novo anbietet ist für sich allein  bestenfalls ein Tropfen auf dem heissen Stein. Er wird nicht ein einziges Antibiotikum  bis zur Zulassung bringen.

Wenn die Pharmariesen – and deren Spitze zumeist keine Aerzte, Apotheker oder Naturwissenschaftler, sondern Betriebswirte stehen –  kein Interesse an der Entwicklung neuer Antibiotika haben, wohin geht dann  ihr Interesse,  abgesehen von Medikamenten zur Behandlung von chronischen Erkrankungen und Krebs?

Wohin die Reise geht

Die Antwort: In Nischen, woran die Firmen vor 25-30 Jahren keinerlei Interesse mangels profitablem Markt gehabt hatten. Also die Entwicklung von Medikamenten zur  Behandlung seltener Erkrankungen,  wie z.B. der seltenen Muskelschwundkrankheit  Spinale Muskelatrophie.

Eine Erkrankung, die in der schwersten Form ohne Behandlung innerhalb von wenigen Jahren unweigerlich zum Tode führt. Bei diesen Patienten fehlt durch einen rezessiv vererbten Gendefekt eine Substanz zur Stabilisierung der Nervenzelle, das sog. Surviving Motor Neuron Protein (SMN) . Details siehe hier und hier,  Die Erkrankung ist selten: 1 Fall auf 10.000 Geburten, in Gesellschaften mit häufigen  Verwandtenehen allerdings deutlich höher: 13 Fälle statt 1.

Zwei Behandlungswege

Zur Behandlung stehen zur Zeit zwei Wege zur Verfügung:

– durch ein Medikament, das  über einen Seitenweg die Produktion des gewünschten Genprodukts, des Survival Proteins, durch ein weiteres Gen anzutreiben. Das  geschieht  mit dem Medikament Spinraza. Aber das muss alle 4 Monate per Lumbalpunktion zugeführt werden, ein sehr schmerzhafter, und nicht gänzlich ungefährlicher Vorgang.

– das Einschleusen eines intakten Gens in die Nervenzelle. Das gelingt mit dem Medikament Zolgensma von  Novartis: Durch ein  Virus wird huckepack das intakte Gen in die Zelle verfrachtet, und diese Zelle produziert dann laufend das fehlende Genprodukt, wenn auch nicht in der normalen Höhe, aber genug, um das Absterben von  Nervenzellen zu verhindern.Die Behandlung ist ein-malig, also nur eine  Behandlung erforderlich. Der Preis ist es allerdings auch: 2,1 Millionen Euro – das teuerste Medikament der Welt.

Erwachtes Interesse

Warum jetzt das Interesse der Pharmafirmen  für  die seltenen Erkrankungen, die sie früher links liegen liessen?

Die Medikationen gegen derartige Erkrankungen nennen sich Orphan drugs das sind Medikamente gegen Krankheiten, die bei weniger als 10.000 Patienten in der EU auftreten. Diese Voraussetzungen sind bei der spinalen Muskelatrophie allemal erfüllt.

 Das Zulassungsverfahren für diese Medikamente ist drastisch vereinfacht:  wegen der geringen Patientenzahl. Sonst würden die üblicherweise verlangten Studien Jahrzehnte dauern.

Die Zulassung und Einführung kostet daher nur einen  Bruchteil der sonst üblichen Kosten. 

Zusatznutzen:  man kann z.B. sehen, welche Folgen die Insertion eines solchen Virus in eine Nervenzelle langfristig hat. Denn Transportviren (Huckepackviren) sind keinesweg absolut problemfrei, wie die Komplikationen in der Münchner Universitätskinderklinik zeigten.

Andererseits bietet diese Behandlungsmethode ein Riesenpotential für die Behandlung anderer Erkrankungen durch Gendefekte, wie beispielsweise die Bluterkrankheit Hämophilie.

Pharmafirmen, die früher derartige Nischen mieden – viel zu kleiner Markt, daher geringer Return –  haben mittlerweile erkannt, dass sich auch mit der Behandlung dieser Krankheiten gut Geld verdienen lässt.

Bestes Beispiel: die Behandlung der chronischen myeloischen Leukaemie durch das Anfang der 90er Jahre ebenfalls von Novartis entwickelte Medikament  Imatinib.Eine Art Revolution in der Behandlung dieser Erkrankung. Die Firma wollte dieses Medikament erst gar nicht auf den Markt bringen, aber der Leukämieforscher Prof. John Goldman vom Hammersmith Hospital in London, reiste nach Basel, und konnte den Vorstand von Novartis umstimmen. Womit sie nicht gerechnet hatten: Das Medikament wurde zu einem Blockbuster, zu einem Renner. Allerdings:  die Behandlung hatte ihren Preis: 1000 US Dollar pro Monat – lebenslang. Immerhin:  die Firma machte das Medikament kostenlos verfügbar in  Ländern, wo die Patienten sich die Behandlung sich nicht leisten können.

Oder Eculizumab (Soliris) zur Behandlung einer seltenen hämatologischen Erkrankung:  450,000 Euro pro Patient pro Jahr oder gesamtgesellschaftlich gesehen 580 Millionen Euro pro Jahr nur für die Behandlung von circa 1500 Patienten in Deutschland.

Weiteres Beispiel:  das  hochwirksame Medikament gegen Hepatitis C: Sofosbuvir der Firma Gilead. Preis: 100.000 US-Dollar für eine dreimonatige Behandlung..

Preise gerechtfertigt?

Aber sind derartige Preise gerechtfertigt?  Ueber die exorbitanten Kosten neuer Medikamente, für die noch Patentschutz besteht, wird seit langem gestritten. Natürlich sind die Produktionskosten weitaus geringer: Das zeigt  Sofosbuvir:  In Indien wird dieses Medikament ebenfalls hergestellt – für 10.000 Dollar – 1/10 des von Gilead geforderten Preises. Indien hatte seinerzeit eine Ausnahmeregelung vom Patentschutz  ausschliesslich für die  Behandlung der eigenen Bevölkerung erwirkt. .

Phamakonzerne begründen diese Preisgestaltung, die in der Regel wenig mit den reinen Herstellungskosten zu tun hat, mit den Entwiklungskosten für dieses Medikament, und der Entwicklung weiterer Medikamente.

Dann sollte es aber  nicht schwerfallen, auch in die Entwicklung neuer Antibiotika gross zu investieren,

Nun will Novartis 100 Therapien mit dem Medikament Zolgensma verlosen, ein etwas makabres Unterfangen, das auch schon reichlich Kritik provoziert hat.

Welt am Sonntag vom 2.2.2020

Kritische Lage

Die Lage ist kritisch: Solange keine neuen Antibiotika verfügbar sind, muss alles getan werden, die noch vorhandene Wirksamkeit bisheriger Antibiotika zu erhalten.

Dazu gehört das Verbot des ungezielten Einsatzes in der Massentierhaltung, was klar die Abschaffung der Massentierhaltung insbesondere von Geflügel nach sich zieht, den eine Individualbehandlung einzelner kranker Hühner ist  ausgeschlossen..

Dann eine strikte Handhabung der Antiinfektiva in der Humanmedizin, und umfassende Krankenhaus-Hygienemassnahmen.

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