Herbst schon im Sommer: Die Delta-Welle trifft besonders die Länder der Südhalbkugel

Dr. Alexander von Paleske —– 12.7. 2021 —–

Heute erreichte mich ein Anruf aus Masvingo, Stadt Im Süden Simbabwes: Ein guter Bekannter war an Covid-19 verstorben. Die gesamte Familie von 8 Personen und  weitere 6 Personen, die dort übernachtet hatten, waren an Covid-19 erkrankt. Bei der Einweisung des Patienten in das Krankenhaus stellte sich heraus, dass kein Sauerstoff mehr vorhanden war- kein Einzelfall!

In Deutschland und Europa weitgehend ignoriert, trifft die Delta- Variante diese Länder, angesichts der niedrigen Impfquoten, besonders hart.

So  wurden am 10. Juli  in Simbabwe  1787 neue Fälle gemeldet,  angesichts der Zustände im dortigen Gesundheitswesen dürfte die wirkliche Zahl weit höher liegen. 590.501 Personen sind bisher geimpft, das sind weniger als 4% der Bevölkerung. In der Republik Südafrika (Stand heute) sind es 5%.

Am stärksten im südlichen Afrika ist jedoch Namibia betroffen:  mit 1726 Neuinfektionen pro  Tag, das würde auf Deutschland übertragen rund 68.000 Neuinfektionen pro Tag bedeuten.

In Südostasien ist besonders Indonesien betroffen:  Das Land mit 270 Millionen Einwohnern erlebt derzeit eine  ähnliche Katastrophe, wie Indien vor ein paar  Wochen. Die Zahlen der an Covid-19 Erkrankten  haben sich seit Mai verfünffacht, verursacht durch die Delta-Variante des SarsCov-2, die offenbar mittlerweile für 90% der Covid-19-Neunfektionen verantwortlich ist. Die Folge: Die Krankenhäuser sind überfüllt,  Menschen sterben in ihren Wohnungen,  auf Parkplätzen, vor Hospitälern, und in Autos; verantwortlich dafür ebenfalls die niedrige Impfquote.

75% für die Reichen, 25% für die Armen

10 High Income Länder (HIC’s)  in Europa, USA und Kanada haben 75% der Impfstoffe für sich beschafft, der Rest der Welt durfte sich mit 25% begnügen. So kann sich dort die Covid-19 Epidemie –  zumeist in den leichter übertragbaren Varianten Delta und Lambda – wie ein Buschfeuer  ausbreiten. In vielen dieser Ländern konnten nicht einmal die Schwestern, Pfleger, Aerztinnen und Aerzte  mit ausreichender Schutzausrüstung versorgt, geschweige denn geimpft  werden. Entsprechend hoch die Infektions- und Todeszahlen in dieser Gruppe.  

COVAX: Ein guter Plan – nur ein Plan

Als Anfang 2020 klar  wurde, dass es sich bei Covid-19 nicht um ein lokales Geschehen,also eine Epidemie,  sondern um eine  Pandemie handelte, die sich rasch über die ganze Welt ausbreitete,   wurde vor einem Jahr COVAX gegründet, COVAX ist die Abkürzung für Covid-19 Vaccines Global Access, eine Initiative, die einen weltweit gleichmäßigen und gerechten Zugang zu COVID-19-Impfstoffen gewährleisten will. Sie ist eine von drei Säulen des Access to COVID-19 Tools (ACT) Accelerator zur Beschleunigung des „Zugangs zu COVID-19-Instrumenten“, die im April 2020 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Europäischen Kommission und Frankreich als  Reaktion auf die COVID-19-Pandemie gegründet wurde. Sie hat die Zusammenführung von Regierungen, globalen Gesundheitsorganisationen, Herstellern, Wissenschaftlern, dem Privatsektor, der Zivilgesellschaft und deren Philanthropie zum Ziel, um einen innovativen und gerechten Zugang zu COVID-19-Diagnostika, -Behandlungen und -Impfstoffen zu ermöglichen. Die COVAX-Säule ist auf letztere ausgerichtet. Sie stellt eine globale Lösung für diese Pandemie dar, um sicherzustellen, dass Menschen in allen Teilen der Welt unabhängig von ihrer finanziellen Situation Zugang zu SARS-CoV-2-Impfstoffen erhalten, sobald diese verfügbar sind. Weitere Details siehe hier.

Alle für einen, einer für alle

COVAX sollte alle Impfstoffe zentral einkaufen, und mit dieser geballten Macht niedrigste Preise mit den Herstellern aushandeln. COVAX sollte dann  diese Impfdosen gerecht verteilen – kostenlos  an Low and Middle Income Länder (LMIC’s), gegen Bezahlung die reichen High Income Länder  (HIC’s).

Eine noble Idee – mehr nicht

Eine noble Idee, aber erst jetzt erhielt COVAX auf dem COVAX-Gipfeltreffen am 2. Juni in Japan die nötigen finanziellen Mittel von den Geberländern, zugesagt, von HIC-Ländern, die sich längst von der noblen Idee verabschiedet hatten.  Aus dem  “one for all”  wurde “everyone for himself” – jeder rette sich selbst, so gut er kann – alles eine Frage des Geldes.

USA voran

Der erste, der ausscherte, waren die USA: die kauften was sie kriegen konnten, egal zu welchem Preis, ebenso  Grossbritannien und Israel,  während die EU noch mit dem Feilschen beschäftigt war. Und so konnte COVAX von den 2.2 Billionen Dosen die bisher verimpft worden sind,  weniger als 4% verteilen. Während in wenigen Monaten in den HIC’s  60% der Bevölkerung durchgeimpft sein werden, wird dieses Ziel  beim jetzigen Tempo auf der Südhalbkugel erst wesentlich später – vielleicht erst in  Jahren – erreicht sein.  Von internationaler Solidarität also keine Spur. Lediglich China lieferte in grösserem Umfang an LMIC’s, und wurde sofort in der hiesigen Presse beschuldigt, damit seinen Einflussbereich ausdehnen zu wollen.

Herdenimmunität nach Darwin

Das Resultat wird also vor einer vollständigen Impfung eine Herdenimmunität aufgrund durchgemachter Infektion mit vielen Todesopfern sein, zumal diese geballten schweren Infektionen auf ein unterentwickeltes Gesundheitssystem treffen, wo es oft am nötigsten für die Covid-Erkrankten fehlt:  Insbesondere  Sauerstoff, ohne den die Patienten die kritische Phase erst  gar nicht überleben können.

Die High Income Länder (HIC’s) werden diese fehlende Impfstoff-Solidarität  möglicherweise noch zu spüren bekommen: Bei dieser hohen Zahl von Infektionen muss mit weiteren – möglicherweise noch gefährlicheren –  Mutationen gerechnet werden, Mutationen, die eine Resistenz der Viren gegen die bisherigen Impfstoffe zur Folge haben. Es ist ja insofern keine Ueberraschung, dass gerade die Delta- Variante erstmals in Indien, und die Lambda Variante erstmals  in Peru auftraten.

Fragwürdige Prognosen

 Prophezeiungen, dass  wir in Europa  – wenn überhaupt –   erst  im Herbst die  nächste   Welle erwarten müssen, dürften sich nach der bereits jetzt feststellbaren Zunahme der  täglichen Infektionen rasch als falsch erweisen: Es ist Sommer und die  4. Welle –  besser als Delta-Welle zu bezeichnen –  rollt bereits, ganz besonders heftig  in Grossbritannien. Dort startete die Ausbreitung der Delta- Variante  in Europa zuerst.

Die täglichen Neuinfektionen schnellten nach oben, sie liegen (Stand 10.7.) bei 31.835, die Wocheninzidenz bei 314/100.000/Woche.  In dieser Situation sollen trotzdem alle  Restriktionen am 19.7. ganz fallen, egal wie hoch die Inzidenz, vielleicht sogar bis zu 100.000 Neuinfektionen täglich, in der Hoffnung, dass diese  dann dank der Impfung nicht so schwer ausfallen, wobei das Problem der Post-Covid bzw. Long Covid-Erkrankungen dabei offenbar keine Rolle spielt.  Recht  verantwortungslos, denn mit der Höhe der Infektionen steigt auch das Mutationsrisiko. Von einem Premier Boris Johnson und seiner Truppe sind derartige populistische Entscheidungen allerdings erwartbar.

Wieder Anstieg in Deutschland

 Für Deutschland meldete das Robert Koch Institut: Die Delta-Variante des Coronavirus breitet  sich in Deutschland weiter aus, und  hat die Alpha-Variante mit 60% aller Neuinfektionen weit hinter sich gelassen, ist somit die  dominierende Mutation.  Mehr noch: die nächste Variante, die Lambda Variante ist im Anmarsch, und ist offenbar mindestens so ansteckend, wie die Delta-Variante, wenn nicht sogar  höher.

Und so ist es daher keine Ueberraschung, dass die Corona-Zahlen dank der Delta- Variante wieder ansteigen,  der R-Wert über 1 liegt, und die wöchentliche Inzidenz auf über 6,3  pro 100.000 angestiegen ist.

In Wirklichkeit dürfte die Inzidenz jedoch weit höher sein. Mainzer Forscher hatten festgestellt, dass rund 40% aller Infektionen so symptomarm verlaufen bzw. verliefen, dass sie normalerweise gar nicht  diagnostiziert würden. Deren Zahl dürfte eher noch zunehmen, weil nach einer Impfung mit  symptomärmeren Verläufen einer Covid 19-Druchbruchsinfektion  zu rechnen ist.

Nicht nur sehr wenige Impfdurchbrüche.

 Bislang sind 3806 sogenannte Impfdurchbrüche – also symptomatische Corona-Infektionen mindestens zwei Wochen nach vollständiger Impfung – vom Robert Koch Institut in Deutschland registriert worden,  bei rund 975.000 registrierten Corona-Erkrankungen insgesamt im selben Zeitraum. Die wirkliche Zahl von derartigen Durchbrüchen  trotz Impfung dürfte nicht unwesentlich höher liegen (s.o.).

Es ist mittlerweile klar:

  • dass weder eine durchgemachte Infektion noch eine Impfung eine Re- Infektion bzw. Neuinfektion  sicher verhindern  kann. Zahlen aus Israel, wo mehr als 50% mit Biontech durchgeimpft sind,  zeigen, dass der Schutz gegen eine Infektion mit der Delta-Variante  nur noch bei 64% liegt
  • Dass aber offenbar schwere Infektionen – zwar nicht vollständig – aber erheblich in der Zahl vermindert werden können. Die Verhinderung einer schweren Infektion liegt in Israel mit seiner hohen Impfrate zur  Zeit –  noch –  bei 93%.
  • Dass diese Infizierten –  gerade auch bei der hohen Infektiosität der Delta- Variante – andere anstecken können,  davon ist auszugehen.
  • dass auch eine Doppelinfektion  mit zwei verschiedenen Mutanten möglich ist und bereits  diagnostiziert wurde.

Fazit:

Die Delta-Welle rollt bei uns schon jetzt –  und nicht erst im Herbst –  aber vor allem auf der Südhalbkugel, und trifft dort auf viele Ungeimpfte,  ein unzureichendes  Gesundheitswesen, und  wird dort noch viele Todesopfer fordern.

 Mit neuen Mutationen  muss dort – aber nicht nur dort – gerechnet werden

Covid wird uns erhalten bleiben, es wird wohl auch nicht die letzte Pandemie bleiben.

Zur Bekämpfung dieser Pandemien ist internationale Zusammenarbeit und Solidarität nötig, an der es jedoch bisher fehlte.

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2 Gedanken zu “Herbst schon im Sommer: Die Delta-Welle trifft besonders die Länder der Südhalbkugel

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